Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte

Berlin, Breitscheidplatz 19.12.2016. In der Woche vor Weihnachten wird die Gedächtniskirche, das wohl eindruckvollste Berliner Denkmal gegen Krieg und Gewalt, zum stummen Zeugen eines islamistischen Anschlags. Die Notfallhilfe ist schnell vor Ort, Verletzte zu versorgen oder ins Krankenhaus zu transportieren, die Polizei sichert und beruhigt, und die Menschen helfen sich gegenseitig. Am nächsten Morgen ist die Stadt schneidend kalt und totenstill. Nicht alle Toten sind identifiziert. Kerzen werden aufgestellt und Kränze niedergelegt.

Einen Tag später ist die Stadt nicht mehr still, aber noch immer ruhig. Ruhiger jedenfalls als an normalen Tagen vor Weihnachten – aber nach meiner Wahrnehmung weder geschockt, gelähmt oder gar aggressiv. Beim Überfliegen der Zeitungen fällt mir auf, wie ungewöhnlich sachlich selbst die Boulevardblätter über das Thema berichten. Zwei Tage später: NPD-Demo am Breitscheidplatz. 130 wollen “Grenzen dicht machen”, doch 800 stellen sich ihnen mit roten Herzen und Plakaten entgegen: “Keine Nazis, nirgends. Keine Islamisten, nirgends”. Und drei Tage später freut sich die Kanzlerin öffentlich über die besonnenen Reaktionen der Menschen in ganz Deutschland. Ich selbst liege am selben Abend im Bett und wundere mich, warum eigentlich keine Sylvesterknaller meinen Schlaf rauben, wie sonst immer in Kreuzberg um diese Zeit.

Vier Tage danach und während ich diesen Text schreibe, ist der mutmaßliche Attentäter tot. Ich bin glücklich. Nicht über seinen Tod, sondern dass die Haudrauf-Politiker weitestgehend ruhig geblieben sind. Dass die professionelle Arbeit der Ermittler im Mittelpunkt steht und die grenzübergreifende Zusammenarbeit europäischer Behörden in dieser schwierigen Situation funktioniert. Auch, dass die übliche Hektik der Vorweihnachtszeit einer in der ganzen Stadt spürbaren, nachdenklichen Innerlichkeit gewichen ist. Es berührt mich, dass wir als Deutsche, zum ersten Mal seit ich denken kann, Mitgefühl erfahren. Von Menschen aus der ganzen Welt, die unser Land und speziell diese Stadt lieben. Auch nach diesem Anschlag patroullieren hier keine Soldaten und ich höre kein Kriegs- oder Rachegeschrei. Ich bin glücklich, dass wir – vier Tage danach – als Land diese Bewährungsprobe auf eine andere, eine neue Weise zu bewältigen scheinen.

Gestern Abend hatte ich am Ku’damm zu tun und kam mit dem Bus am Breitscheidplatz vorbei. Seit dem Morgen hatten die Buden wieder geöffnet, wenn auch ohne laute Musik und Partygedöns. Ich schaute auf die beleuchteten Stände, fühlte eine für diesen Ort ungewöhnliche, fast erhabene Stille und hatte für einen Moment das Gefühl, ein heiliger Schein fiele auf unseren Bus.

Rituale LebensübergängeDer Vorläufer des Weihnachtsfestes ist die Wintersonnenwend-Feier, und seit Urzeiten freuen sich Menschen in dieser dunkelsten Zeit des Jahres über die Rückkehr und das erneute Wachstum des Lichts. Das asiatische Yin-Yang-Zeichen ist als Sinnbild dieser Gesetzmäßigkeiten heute Vielen fast mehr vertraut als die eigene, mitteleuropäische Tradition.

Mein Respekt vor der Trauer der Hinterbliebenen und dem Schmerz der Verletzten ist groß. Doch vielleicht können die positiven Veränderungen, die ich glaube wahrzunehmen, ein Trost sein, der wie ein kleines Licht aus tiefer Dunkelheit die Herzen der Trauernden und schließlich unsere Welt erhellt. Die Bedrohung durch radikalisierte Islamisten und die Migration von Millionen von Menschen in unseren Kulturraum fordert unsere Gesellschaft heraus und wird diese verändern – zum Positiven, wie ich mir seit dieser Woche sicherer bin als je zuvor. Wir schaffen das.

In diesem Sinne wünsche ich Dir und Deinen Lieben ein Fest des Friedens, magische Rauh-Nächte und ein wundervolles Jahr 2017!

Manuel B. Breuer