In Verbindung mit unserer eigenen Natur

Alte Völker Rituale BäumeDie Geschichte von Bäumen und Menschen ist untrennbar miteinander verknüpft. Seit jeher liefern Bäume uns Brennstoff für unsere Feuer und Baustoff für Hütten und Häuser, wir bauen aus ihnen aber auch Möbel und Fortbewegungsmittel. Bäume versorgen uns mit Nahrungs- und Heilmitteln, bieten uns Schutz im Sommer wie im Winter und produzieren den für uns lebensnotwendigen Sauerstoff. Bäume erfrischen unseren Geist und erquicken unsere Seelen.

Verschiedene Völker führen in ihren Mythen den Ursprung des Menschen auf den Wald zurück. So beschreibt der römische Dichter Vergil ein auf den ursprünglich bewaldeten Hügeln von Rom lebendes Geschlecht, das „aus Stämmen und Kernholz“ entstanden sei und angeblich keinerlei Sitten und Bräuche kannte. In der nordischen Mythologie (Edda) erschufen die Götter Mann und Frau aus einer Esche und einer Ulme. Der germanische Gottvater Wotan (nordisch „Odin“) empfing, neun Tage kopfüber am Weltenbaum Yggdrasil hängend, die Zauberkraft der Runen. Der Weltenbaum zieht sich als geistiges Prinzip für eine energetische Achse des Kosmos bis heute durch nahezu alle Schamanischen Kulturen.

Laut Altem Testament baute Abraham dem Herrn einen Altar bei einer heiligen Eiche, und auch die alten Völker Europas, die Germanen, Kelten und Slawen hielten ihre Wälder heilig. Heilige Haine waren für sie natürlich gewachsene Tempel höherer Mächte, Zentren spiritueller Erfahrungen, Wohnorte heilkundiger Tiere und heilender Pflanzen. Für diese Völker war es unvorstellbar, ihre Götter in geschlossenen Räumen anzubeten oder sie gar auf Bildern mit Menschengesichtern darzustellen. Über den Baumkult der Germanen berichtet Tacitus: „Übrigens finden sie es unvereinbar mit der Erhabenheit des Himmlischen, die Götter in Wände einzuschließen, (…) und mit Götternamen rufen sie jenes ferne, unschaubare Wesen, das nur ihrer frommen Schauder sieht.“ (Germania X-XIX)

Schamanismus Heiliger HainDer Baum im Wechsel der Jahreszeiten symbolisiert unsere eigene Lebensgeschichte vom Werden und Vergehen. Wir bezeichnen Menschen gerne als „stark wie ein Baum“ oder „gut verwurzelt“. Schließlich sind die Angehörigen des „Stehenden Volkes“, wie die Ureinwohner Nordamerikas die Bäume nennen, unsere nächsten spirituellen Verwandten, und im Baum findet der Mensch sein schönstes Ebenbild: Wie wir Menschen stehen sie aufrecht – im Gegensatz zu den Tieren – und bilden auf diese Weise eine gerade Verbindung zwischen Himmel und Erde. Und so ist es unsere gemeinsame Aufgabe, die über Äste und Blätter (Arme und Haare) aufgenommenen Informationen über unseren Stamm (Körper, Wirbelsäule) in die Erde zu leiten, geistige Informationen zu manifestieren und aus dieser Verbindung der Polaritäten etwas Göttliches zu erschaffen.

Bäume durch eigene Erfahrung kennen lernen
Im Fachhandel findet sich ein umfangreiches mediales Angebot zu Baumporträts, -karten, -essenzen und -kalendern. Dort kann man nahezu alles erfahren, was die Biologie, Ökonomie, Geschichte, Mythologie und geomantische Bedeutung von Bäumen betrifft. Inzwischen wurde das Gefühlsleben von Bäumen und ihre besondere Art, miteinander zu kommunizieren sogar wissenschaftlich untersucht, und diese Erkenntnisse bereichern nach und nach auch die moderne Forstwirtschaft.

Ein anderer, dafür besonders intensiver und vor allem heilsamer Weg, etwas über einen Baum zu erfahren ist es, sein Wesen und seine Geschichte durch eigene Erfahrung kennen zu lernen. Auf eine spielerisch-experimentelle Weise – vielleicht so, wie wir als Kinder auf einem Baum herum geklettert sind oder an ihm geschaukelt und gespielt haben, sofern keine allzu vorsichtigen Eltern dies verhindert haben. Es ist die ursprüngliche Art des Lernens, im Kontakt und in Resonanz mit einem der ältesten Lebewesen dieser Welt, aber auch mit unserer Intuition, uns selbst und unserem eigenen Sein.

Straupitz Alte EicheWie alles, was lebt, freuen sich auch die Bäume darüber, gesehen, wahrgenommen und berührt zu werden. Verbringe also möglichst viel Zeit dort draußen, in Stille und mit „deinem“ Baum. Betrachte ihn von verschiedenen Perspektiven, berühre ihn an unterschiedlichen Stellen. Wenn Du Lust hast und eine Einladung hörst, klettere auf ihm herum oder sitze in seiner Krone. Schau dir die Rinde an, die Form der Zweige und Blätter, welche Besonderheiten fallen dir auf? Beobachte ihn im Wechsel der Jahreszeiten. Sei offen, auf “Empfangsmodus”, unvoreingenommen, staunend. Nimm alles wahr, mit all deinen äußeren und inneren Sinnen, und lausche auf Botschaften, Worte, Bilder oder Töne, die in dir entstehen. Vergleiche die Botschaften „deines“ mit denen anderer Bäume, ganz in der Nähe oder weiter entfernt. Wie unterscheiden sie sich, was haben sie gemeinsam? Wenn Dein innerer Empfänger mit der Frequenz der Bäume übereinstimmt, werden sich der Wald und seine Bewohner dir offenbaren, und du wirst dieses Wissen für immer bewahren.

Die Arbeit mit Bäumen ist auch gut für Menschen geeignet, die wenig oder keine bewusste Erfahrung mit energetischer Arbeit haben. Im Folgenden beschreibe ich einige meiner Lieblings-Übungen und Techniken, die einen tiefen Kontakt zu „deinem“ Baum erleichtern kann. Es stärkt deine Wahrnehmung und die Verbindung, wenn du vor jeder Begegnung zunächst zur Ruhe, also so weit wie möglich ganz bei dir ankommst. Das kannst du z.B. durch eine kleine Atemmeditation, durch Zentrierung und Fokussierung erreichen. Verzichte im Vorfeld auf anregende Getränke und Alkohol.

RäuchernSchamanisches Räuchern
Das Räuchern ist eine der ältesten Methoden, einen rituellen Raum zu öffnen und in Kontakt mit der geistigen Welt zu gelangen. In den meisten Schamanischen Traditionen spielt der Rauch als Symbol der Transformation von Materie zu Geist eine besondere Rolle. So rauchen beispielsweise Indianische Heiler die Friedenspfeife (Calumed) oder Mapacho-Zigarre, sibirische Schamanen legen Beifuss auf ein Stück glühende Kohle. Sogar die Katholische Kirche kommt ohne diese Schamanische Tradition der von ihnen bekehrten Völker nicht aus und hat das Schwenken von Weihrauch in ihre Messen übernommen.

Ein Rauchopfer freut und nährt deine geistigen Helfer. Ruf sie herbei, bevor du einen Wald betrittst bzw. für einen bestimmten Baum räucherst. Es stabilisiert dein Feld und macht aus einer individuellen eine kollektive Erfahrung. Wende dich als nächstes an den Hüter des Waldes. Ihn findest du meist am Eingang zu einem bestimmten Wald oder Landschaftsabschnitt. Es ist ein Zeichen von Respekt und vertieft deine mögliche Erfahrung, wenn du dich bei ihm vorstellst, deine Absicht erläuterst und um Einlass und Erlaubnis bittest. Beachte beim Räuchern den Brandschutz!

In ursprünglich belassenen Wäldern, die es zum Glück immer mehr gibt, leben jetzt wieder Naturgeister wie Nymphen, Feen, Kobolde, die möglicherweise den Kontakt mit dir suchen. Öffne deine Wahrnehmung, sei empfangend und offen für die Energien, die sich dir zeigen möchten. Sei immer respektvoll und achte auf einen fairen Ausgleich von Geben und Nehmen, wenn du mit diesen Wesen Kontakt aufnimmst. Du befindest dich in ihrem Zuhause und es kann sein, dass sie Menschen gegenüber zunächst misstrauisch und ablehnend reagieren.

Innenwelt-Reisen
Die Schamanische Reise gehört zum Standardwerkzeug bei Schamanischen Grundlagen-Seminare. Dabei wird der oder die Reisende durch den gleichmäßigen Rhythmus einer Trommel oder Rassel in einen tranceartigen Zustand versetzt. Eine Schamanische Reise zu deinem Baum hat den Vorteil, dass du sie auch dann machen kannst, wenn du körperlich nicht bei deinem Baum ein kannst – z.B. weil der letzte Zug gerade weg ist oder dein Auto nicht anspringt.

Du versetzt dich mit einer dir vertrauten Methode in Trance, reist schamanisch zu deinem Baum und gelangst in die nicht-alltägliche Wirklichkeit. Begrüße deinen Baum, geh um ihn herum, schau ihn dir genau an, berühre ihn mit deinen Händen, schau in die Krone – tue alles, was du auch in der alltäglichen Wirklichkeit tun würdest. Tauche ein in die Zeitlosigkeit der schamanischen Wirklichkeit, beobachte dich selbst und das, was passiert. Stelle eine Frage, die von dich von Bedeutung ist. Vielleicht erfährst du während deiner Reise mehr über den Baum, als wenn du direkt vor ihm stehen würdest, denn meistens sehen unsere inneren Augen mehr als die äußeren.

Grocken
Mit „Grocken“ beschreibt der Huna-Schamane Serge Kahili King eine fortgeschrittene Form der Schamanischen Reise, nämlich die Fähigkeit, mit einer Substanz oder Energieform eins zu werden, und sie dann, zum Zwecke der Heilung, von innen heraus zu verwandeln. Wichtig beim Grocken ist, dass wir das Muster von etwas soweit annehmen, dass wir uns selbst dafür halten, uns aber dabei zugleich an unser eigentliches Muster und den Zweck des Grockens erinnern.

Besuche deinen Baum in dieser oder der nicht-alltäglichen Realität. Versetze dich in Trance, verschmelze mit seinem Energiekörper, werde zu deinem Baum. Fühle, wie viel menschliche Energie noch in dir ist und tausche sie nach und nach gegen die pflanzliche Energie des Baumes aus. Wenn du den kleinsten noch spürbaren Wert menschlichen Energiekörpers erreicht hast (King nennt dies „1 % des Schamanen erhalten“), beginne mit deiner Arbeit.

Joiken
Der Joik ist ein mit dem Jodeln verwandter, traditioneller Gesang der Saamen. Mit ihm drücken diese Ureinwohner Lapplands ihre Gefühle für die Natur aus. Mit dem Joik „besingen“ sie zumeist Tiere, die in ihrem Leben eine wichtige Rolle spielen, aber auch Naturphänomene wie heilige Plätze und auch Bäume. Das Besondere an einem Joik ist, dass er meist spontan, aus einer in diesem Moment tief empfundenen Verbindung entsteht. Der Sänger joikt also nicht über einen Baum, er joikt diesen Baum. Während des Joikens werden Tier und Mensch, Mensch und Baum eins und finden ihren Ausdruck über die menschliche Stimme.

Gehe zu einem besonderen Baum, berühre ihn und spüre dich in sein Energiefeld ein. Welches Gefühl entsteht in dir, was verändert sich in dir durch den Kontakt zu diesem Baum? Werde eins mit deinem Baum (s. Grocken). Lasse einen Ton aufsteigen, der diesem tiefsten, innersten Gefühl von Einheit Ausdruck gibt. Spüre, ob dieser Ton wirklich der Klang deines Baumes ist. Lass es durch dich singen, tönen, krächzen und finde eure gemeinsame Frequenz, euren Ton. Lass ein Lied, lass euer Lied entstehen.

Gerichtete Energiearbeit
Während meiner Ausbildung in CranioSacraler Therapie begann ich, Ausflüge zu alten Bäumen zu unternehmen. Die körperliche Wahrnehmung von Energiefeldern war damals neu und aufregend für mich. An einem Tag stattete ich einer alten Feldulme an einer Dorfstraße in Brandenburg einen Besuch ab.

Baum und MenschInstinktiv legte ich zur Begrüßung meine Hände auf ihren Stamm und begann, mich einzuspüren. Es war faszinierend, den Energiekreislauf dieses alten Baumes zu entdecken und mit meinen neu erlernten, cranio-sacralen Werkzeugen zu begleiten. Und plötzlich öffnete sich der Schamanische Raum: Vor meinem inneren Auge begegnete mir eine alte, ungekämmte und verwirrte Frau, die schon vieles erlebt und bereits beschlossen hatte, zu sterben. „Ich will hier nicht mehr sein“, waren ihre Worte. Ich bin noch eine Weile bei ihr geblieben, habe sozusagen „ihre Hand gehalten“ und durfte helfen, manche ihrer Verletzungen zu lindern. Wie die meisten Menschen hatte ich schon immer eine besondere Beziehung zu Bäumen, aber erst in diesem Moment begann ich, diese Beziehung aktiv wahrzunehmen und hörte den Ruf, aktiv mit und für Bäume zu arbeiten.

Den Nahrungskreislauf und das Energiesystem von Bäumen können wir mit unseren Sinnen, also ohne technische Hilfsmittel, wahrnehmen. Auch Bäume habe eine “craniale” Welle, nur dass hier nicht der Liquor als Medium dient, sondern die im Baum zirkulierenden Pflanzensäfte. Leg deine Hände an verschiedenen Stellen des Stammes auf, lass dich dabei zu besonderen Stellen führen, und vergiss auch die aus dem Boden hervor ragenden Wurzeln nicht. Welche Muster, Bewegungen, Farben, Worte nimmst du wahr? Welche Bilder entstehen in dir? Frag deinen Baum, was du für ihn tun kannst – und lass es geschehen.

Ausblick und Aufgabe
Heiliger Hain TempelbergDie ausgedehnten Urwälder Europas und Heiligen Haine der Alten Völker wurden im Laufe von Christianisierung, Aufklärung und Industrialisierung nahezu vollständig zerstört. Die Rodung des Waldes und Urbarmachung des Bodens für landwirtschaftliche Zwecke begleiten die Geschichte unserer Zivilisation und haben die Entstehung moderner Wirtschaftsgesellschaften erst möglich gemacht. Gleichzeitig hat diese Entwicklung einen großen Teil unseres kulturellen und spirituellen Erbes, des Erfahrungswissens unserer Vorfahren nahezu ausgelöscht.

Am Umgang einer Gesellschaft mit ihren Bäumen und Wäldern zeigen sich ihre Werte, das Verhältnis zu ihrem spirituellen und kulturellen Erbe, zu ihren eigenen Wurzeln. Über Zugänge wie die beschriebenen Rituale, Meditationen und Gesänge können wir wieder Kontakt aufzunehmen zu den Bäumen, dem stehenden Volk, unseren nächsten Verwandten. Wie klingt das Flüstern ihrer Seelen? Welche Geschichten haben sie zu erzählen? Was können sie uns lehren über uns und unsere Geschichte, über unsere Zukunft und unseren Weg? Durch die Arbeit mit Bäumen verbinden wir uns nicht nur mit den spirituellen Traditionen unserer Ahnen, sondern heilen unsere verlorene Verbindung zur Natur, zu uns selbst.

Quellen und weitere Info:

  • Doris Laudert: Mythos Baum. BLV-VerlagsGmbH 2000
  • Christian Rätsch: Der Heilige Hain. AT-Verlag 2005
  • Serge Kahili King: Der Stadt-Schamane. Lüchow Verlag 1991
  • Fred Hageneder: Geist der Bäume, Neue Erde 2004
  • Peter Wohlleben: Das geheime Leben der Bäume, Ludwig 2015
  • Freunde der Bäume e.V., Saarbrücken: www.freunde-der-baeume.de