Erinnerung an einen uralten Pakt

Vor einigen Tagen war ich im Köllnischen Park unterwegs, ein selbst vielen Berlinern unbekanntes Refugium im Herzen des Alten Berlin. Was auch viele Hauptstädter bis heute nicht wissen ist, dass hier die offizielle Berliner Stadtbärin wohnt. Ihr Zuhause stammt aus einer Zeit, als Bären noch in Zwinger gesperrt wurden, und trotz wohlmeinender Nachrüstung mit Glasdach, Frischwasserbecken und Fußbodenheizung ist es nach heutigen Erkenntnissen natürlich völlig ungeeignet für ein Bärenleben. Schnute lebte dort lange mit ihrer Tochter Maxi und mit Thilo, welcher in den 90er Jahren gleich beiden Gespielinnen Junge schenkte. Zum Glück fanden sich zwei Tierparks in Südamerika, die die beiden Bärenkinder übernahmen.

Seit einem Wochenende im Jahr 2004 bin ich tief verbunden mit dieser Bärin. Aus einem Büschel Bärenhaare fertigten wir damals im Rahmen meiner Schamanischen Lehrzeit eine homöopathische Arznei. Wer eine homöopathische Substanz zu sich nimmt, nimmt die energetische Information des Ausgangsstoffs bzw. seines Trägers für immer in sich auf, und so wurde ich damals selbst ein Stück weit zum Bären. Damals ahnte ich nicht, dass ich ein Jahr später meine Heilpraxis nur einen Steinwurf entfernt von Schnutes Zuhause eröffnen würde.

Über lange Zeit wurden im Köllnischen Park im Januar (alle Bärenkinder werden im Winter geboren) immer die Bärengeburtstage gefeiert. Zwei herzreiche Pflegerinnen bastelten dann leckere Gemüsetorten für ihre Schützlinge und versteckten Ananas, Trauben und Äpfel für die neugierigen Tiere in den Zweigen der Bäume. Eine ältere Dame namens Bärenjette spielte auf der Drehorgel und der Bezirksbürgermeister hielt eine kleine Rede.

So genannte Tierschützer sprengten irgendwann diese Veranstaltungen und damit die Möglichkeit für die Menschen Berlins, die Tiere zu feiern und ihnen ihre Liebe zu zeigen. Es waren vielleicht dieselben “Tierschützer”, die einmal auf das Glasdach des Zwingers  kletterten, um auf die aus ihrer Perspektive untragbare Lebenssituation der Bären hinzuweisen. Sie lösten damit nicht nur einen Feuerwehreinsatz aus, sondern auch lebensbedrohliche Panikattacken unter den Bären, deren Zuhause ohne Vorwarnung von unbekannten Feinden aus der Luft bedroht wurde.

Stadtbär BerlinAm 18. Januar wurde Schnute 34 Jahre alt (Braunbären in Freiheit werden selten älter als 10), und ich sehe ihr Leben und das all ihrer Verwandten als großes Geschenk, als unermessliches Opfer an uns Menschen in der Stadt. Sie steht für eine Zeit, als wir Tiere noch für ihre außergewöhnlichen Kräfte verehrten, anstatt sie zur Fleischzucht in Massenhaltung zu vergewaltigen. Als Wappentiere schenkten sie Kriegern und Kriegerinnen über Jahrtausende Kraft und später den Städten Schutz und Wohlstand. Seit der Steinzeit haben wir die Bären für ihre besonderen Eigenschaften verehrt. Und so steht Schnute für eine Zeit, als wir auf einer anderen, magischen Ebene mit Tieren verbunden waren und – vor allem – diese Ebene heiligten.

Was ist der Bär heute für Berlin? Nicht viel mehr als eine erfolgreiche Variante zum Bedrucken von Touristensouvenirs oder, wie im Beispiel des viel zu früh am Starruhm verstorbenen Knut, zur Steigerung der Besuchszahlen des Zoologischen Gartens. Rund um den Zwinger dröhnt der Baustellenlärm, denn auch das ehemalige Cölln, dieses letzte, vom Immobilienwahnsinn über lange Jahre verschonte Quartier in der Mitte Berlins wird nun “erschlossen” und fällt der weiter fortschreitenden Bodenversiegelung zum Opfer. Auch während ich filme, schlägt ein Vermessungsingenieur wie zum Zeichen dieser neuen Zeit sein Werkzeug in den Asphalt.

Schnute dreht dabei stoisch ihre Runden, mit der Geschmeidigkeit einer 90-jährigen Frau auf ihrem Rollator, wundert sich über die Unruhe der Menschen, den wachsenden Lärm der Baustellen und über die Kapriolen eines Klimawandels, der ihre Winterruhe immer wieder unterbricht.

Schnute Stadtbärin BerlinDer Pfleger erzählt mir, dass sie den Tod ihrer Tochter im letzten Jahr gut überstanden habe. Die Tierschützer wollten sie danach in eine Transportkiste verpacken, um sie in einen Bärenpark nach Mecklenburg zu bringen. Das allerdings hätte laut Tierarzt ihren plötzlichen Herztod wahrscheinlich gemacht. Stattdessen wurde der ehemalige Wassergraben des Zwingers mit Sand verfüllt und so Schnutes Aktionsradius noch einmal deutlich erweitert. Ich staune, während die alte Bärendame in den ehemaligen Graben klettert und auf ihrem Rollator tatsächlich den Weg zurück nach oben schafft.

Als ich gehe, sagt mir allerdings mein Gefühl, dass diese Veteranin eines verschwundenen Berlins das nächste Jahr nicht mehr erleben wird. Ich bitte alle fühlenden Menschen, nicht nur für Schnute, sondern für alle Berliner Stadtbären zu beten. Diese Tiere haben uns ihr Leben geschenkt und unzählige Generationen von Berlinern an einen uralten Pakt zwischen Mensch und Tier erinnert. Was bleibt, wenn Schnute geht, ist Berliner Luft in Dosen und der Teddybär.

Schnute bei Youtube ansehen:

Heilpraxis Manuel Breuer